Der zweite Grund ist mein Saisonabschluß im Multi-Sport-Wettkampfgeschehen. Nach einer kurzen Nacht bin ich heute Morgen ins 2 Autostunden entfernte Schönborn bei Finsterwalde gefahren. Ein kleiner Duathlon, bei dem alles ein bischen anders ist. Also einfacher. Aber trotzdem schön. Und herzlich eben. Ich mag solche Wettkämpfe.
Bei der Anmeldung gibt es zunächst kleine Pappkärtchen, auf denen die Startnummer steht. Also, früher hätte ich gesagt: Zigarettenschachtelgroß. Jaaaaa, früher. Jetzt überleg ich gerade, was dem nahekommt, so aus Sportlersicht. Geltütchengroß - ja, das passt. Das Kärtchen muß man irgendwie mit sich führen und dann abgeben. Blos wann???? Na ja, wir werden sehen.
Die Wechselzone besteht aus 3 rostigen Fahrradständern vom ehemaligen Konsumgeschäft des Dorfes. Der Rest der Räder lehnt am Zaun, wer früh da ist, hat den Luxus, sein Rad "profimäßig" an das Geländer, besser gesagt die Absperrstange des kleinen Fußballplatzes - also die Stange, wo die Nachbarn mit den Bierbäuchen und den Bierflaschen in der Hand drauflehnen, um wiederum ihre Nachbarn vom FC Traktor Kleinkleckersdorf anfeueren. Also die Anlehnstange für Fußballfans - ich glaube, jeder weiß, was gemeint ist. Solch einen Platz habe ich ergattert - der erste Sieg heute.
Siegerehrung ala Schönborn ;o)Es ist schweinekalt, als ich morgens losfahre, zeigt das Thermometer 4 Grad und es wird noch wahnsinnig in die Höhe klettern. 9 Grad werden es während des Wettkampfes sein. Und es bläst ein eisiger Wind. Ich entscheide mich für meinen Einteiler mit Kurzarm, Radweste, Arm- und Beinlingen. Die Laufstrecke ist crossig, hier bereue ich fast ein wenig die Beinlinge, später werde ich froh sein, sie anzuhaben. Ich bin mir nicht sicher, wie ich das Rennen angehen soll, habe sowas ja noch nie in der Länge gemacht. Den 10er Auftaktlauf volles Rohr trau ich mich nicht, immerhin folgen 30 mir unbekannte Radkilometer und anschließend nochmal 5 zu Fuß. Also laufe ich angestrengt, aber nicht am Limit. Leider starten nur 4 Frauen auf der langen Distanz, die erste ist gleich nach dem Start weg, die Zweite läuft etwa 10 m vor mir. Da häng ich mich erstmal ran, aber nach etwa 3 Kilometern gehe ich dann doch vorbei. Nun hängt sie sich an mich und kurz vor der Wechselzone dreht sie nochmal voll auf. Nee, ich laß mich nicht herausfordern, der Wettkampf ist noch lang. Nach 47:27 bin ich an meinem Rad wechsel rasch die Schuhe, Helm und Brille auf und bin noch vor meiner Konkurentin auf der Radstrecke. Die ersten Kilometer machen einen Heidenspaß, klar, mir ist ja auch noch vom Laufen warm. An Km 7 an einer Kurve sehe ich, daß meine Verfolgerin direkt hinter mir ist. Nach einem kurzen netten smalltalk dreh ich auf - ihre Laufleistung entspricht meiner, also hab ich nur auf dem Rad die Chance, ein-zwei Minuten herauszufahren. Es geht ja immerhin um den 2. Platz. Der Gedanke, noch von Hinten aufgerollt zu werden, kommt mir komischerweise gar nicht erst.
Bereits an der Wendestelle nach 15 Kilometern habe ich knapp 700 m herausgefahren. Das dürfte genug Polster sein für den 5er im Anschluß. Nun blos nicht nachlassen. Langsam bin ich komplett durchgefroren und der eisige Wind macht auch das Fahren nicht angenehmer. Meine Arme sind kalt, meine Hände komischeweise nicht. Auch der Körper ist warm - aber die Füße, die spüre ich kaum noch vor Kälte. Nach 30 Kilometern und 58:15 bin ich wieder an meiner Anlehnstange ;o). Dies ist die schnellste "Frauen-Radzeit", sogar 3 sec schneller als die der späteren Siegerin. Aber die läuft eben nochmal in einer anderen Liga.
Rad abstellen, Helm wegschmeißen, Sonnenbrille auch, Schuhe wechseln, alles geht fix. Und nun mache ich die Erfahrung meines Lebens: Ein Lauf mit tiefgekühltem Fahrgestell. Meine Beine sind steif vor Kälte, meine Füße, speziell die Zehen völlig taub. Es ist hammerhart und brauch genau bis zum Wendepunkt nach 2,5 km, bevor alles an mir auf Betriebstemperatur ist.
Für die letzten, sehr crossigen 5 km brauch ich dann nochmal 25:29 und mit einer Gesamtzeit von 02:11:11 werde ich Gesamtzweite und AK-Erste. Schade, daß nur 4 Frauen dabei waren, aber weil wir uns bei der Siegerehrung als Erste die Preise aussuchen durften, ist das vielleicht auch besser so. Der Sprecher ermahnte uns dann nämlich, wir wären nicht im Supermarkt - weil es so lange dauerte... ;o) Ich nenne nun eine Duftlampe mein Eigen, genau das Richtige für "nach dem Sauwettertraining auf der Couch gemütlich machen" an langen Herbst- und Winterabenden.
Das große Grabschen im Supermarkt ;o)Der Dritte Grund, was zu schreiben heute, ist das Datum selbst - und der Feiertag, der auf dieses Datum fällt. Das ich im Osten Deutschlands zu Hause bin, das dürfte ja bekannt sein. Ich habe die Wende damals nicht herbeigesehnt, ich war eine der Menschen hier, die es nicht vermissten, überall hinreisen zu können, ich hatte auch keine Verwandschaft im Westen. Mir ging es rundherum gut, ich hatte einen sicheren Arbeitsplatz, mein Kind war betreut während ich arbeitete und es war klar, das es nach der Schule eine Ausbildung bekommt.
Ja, dann kam alles anders. Mir geht es immer noch gut, ich habe Paris gesehn, Lissabon, Bangkok, Rangun, Köln, Bremen, München, Hamburg. Meine mittlerweis zwei Kinder haben eine Ausbildung. Aber das, was alles bereichert, sind die Menschen, die ich dadurch kennenlernen durfte. Viele persönlich, einige noch nicht, obwohl ich das Gefühl habe, sie schon gut zu kennen. Das hat der 3. Oktober gemacht.
Und darauf trink ich jetzt nen Tee! Schönen Feiertag noch!

6 Kommentare:
Den Tee trink ich mit!
mandy
Und, bist du dein Zigaretten...ääh Geltütenkärtchen noch losgeworden?
Glückwunsch zum erfolgreichen Duathlon, heute bei dem Wetter waren bestimmt nur die ganz Harten am Start ;o).
Bei dem 3. Grund pflichte ich dir bei, aber ich habe heute zur Feier des Tages Rotwein getrunken. Ist das jetzt schlimm ???
Kathrin, ich bewundere dich dafür, in welcher Intensität und Häufigkeit du deine Wettkämpfe bestreitest.
Einfach unglaublich.
Viele Grüsse
Jörg
Rotwein macht schnell:-)
Bei mir gab es zum Abend Radler:-)
Liebe Grüße von
Laufmaus Elke
Zu Punkt 1: Das sind schon 3 Jahre?? Ich kann mich noch an Berichte von Dir erinnern, in denen Du schriebst, Dir nach dem Lauf ne Zigarette anzumachen. Irre, Kinners - es wird endlich mal Zeit für ein reales Treffen.
Zu Punkt 2: Schön beschrieben - wie immer.
Zu Punkt 3: Ich hatte den Blogeintrag gestern schon gelesen und der ehrliche Eintrag hatte mich nachdenklich gestimmt, gehen wir "Wessis" doch irgendwie meistens davon aus, dass jeder weg wollte. Dann hab ich bemerkt, dass es mir ähnlich ging wie Dir, nur auf der anderen Seite. Ich hatte keine Osterverwandtschaft, war nur einmal in der 10. Klasse für einen Tag in der DDR und hatte soweit also keine Berührungspunkte und irgendwie war auch für mich die Welt in Ordnung. Aber tatsächlich hätte ich auch viele Menschen nicht getroffen und viele schöne Landschaften und Städte nicht gesehen und vieles nicht gelernt.
Ich hab ein Glas Rotwein getrunken!
Herzlichen Glückwunsch, Kathrin. Ohne es gestern gelesen zu haben, habe ich auch Tee mitgetrunken. Auch das mit der letzten Zigarette hatte ich gestern im Forum gesehen und auch gedacht, wo ist das schon eine Weile her. Du hast sooo viel geschafft in dieser Zeit. Da ziehe ich meinen Hut, ganz ehrlich.
Ich glaube, zumindest nach dem Gelesenen zu urteilen, gerade auch bei dem schönen Satz aus dem anderen Blog, dass Du allgemein ein Mensch bist, der nichts großes "verlangt", der auch mit kleinen Dingen zufrieden ist. Vielleicht, ich kann es nicht beurteilen, hat Dir auch damals vor der Wende nicht so sehr gefehlt, dass Du was vermisst hättest, noch dazu, wo beruflich und bei den Kindern alles sicher war.
Solche Menschen gibt es nicht zu hauf.
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